Ratgeber

Stimme trainieren mit Übungen für jeden Tag.

Kurze, regelmäßige Übungen für Atmung, Artikulation und Resonanz bringen deine Stimme weiter als seltene Gewaltaktionen.

Vor Aufnahmen wärme ich meine Stimme seit mehr als zwölf Jahren mit denselben unspektakulären Übungen auf. Ich heiße Christian Grollmann und arbeite als Sprecher und Sprechtrainer in Hamburg. Die Übungen brauchen wenige Minuten, funktionieren ohne Hilfsmittel und summieren sich über Wochen zu einem hörbaren Unterschied.

Kurz und oft gewinnt

47 zu 37

Zwei Gruppen lernten denselben Stoff und investierten gleich viel Zeit. Die eine übte alles an einem Stück, die andere verteilte es auf mehrere Termine. Im Test danach hatte die verteilte Gruppe 47 Prozent richtig, die andere nur 37.

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Das ist kein Einzelfall, sondern das Ergebnis aus über 250 Untersuchungen zum Lernen. Für deine Stimme heißt das ganz praktisch: Fünf Minuten an fünf Tagen bringen mehr als eine halbe Stunde am Sonntag. Die Übungen in diesem Artikel sind darauf ausgelegt.

Cepeda und Kollegen, Psychological Bulletin 2006.

Porträt Christian Grollmann

Kurz und regelmäßig schlägt lang und selten

Die Stimme reagiert wie ein Muskel auf häufige kleine Reize besser als auf seltene große Anstrengung.

Sprechen ist Feinmotorik. Atmung, Stimmlippen, Zunge und Lippen müssen zusammenspielen. Dieses Zusammenspiel verbessert sich durch Wiederholung. Wer jeden Morgen ein paar Minuten übt, baut Gewohnheiten auf, die auch unter Stress halten. Such dir deshalb einen festen Anker im Tagesablauf, etwa die Zeit unter der Dusche oder den Weg zur Arbeit. Dort lassen sich fast alle Übungen aus diesem Beitrag unterbringen.

Aufwärmen mit Summen und Lippenflattern

Summen und Lippenflattern bringen die Stimme sanft in Schwung und eignen sich als Start in jede Übungsrunde.

Beginn mit einem entspannten Summen auf M, eine Minute lang, in bequemer Tonlage. Du solltest ein leichtes Kribbeln an Lippen und Nase spüren. Danach lässt du die Lippen flattern wie ein Pferdeschnauben und gleitest dabei mit dem Ton nach oben und unten. Beide Übungen bleiben bewusst leise. Wer morgens vor dem ersten Termin summt, klingt im Termin voller und wacher.

Eine einfache Atemübung für mehr Ruhe

Lege eine Hand auf den Bauch und atme so, dass sich die Hand hebt. Dann arbeitet die Atmung dort, wo sie das Sprechen trägt.

Setz oder stell dich aufrecht hin. Eine Hand liegt auf dem Bauch. Atme durch die Nase ein, bis der Bauch nach vorn kommt. Die Schultern bleiben unten. Atme hörbar auf einem langen F oder S aus und zähl innerlich mit. Verlängere die Dauer über die Tage. Diese tiefe Atmung gibt dir Luft für lange Sätze und hilft nebenbei gegen Nervosität.

Artikulation üben mit Korken und Zungenbrechern

Wer mit einem Korken zwischen den Zähnen liest, zwingt die Artikulation zu deutlicher Arbeit, die danach hörbar bleibt.

Nimm einen Weinkorken locker zwischen die Schneidezähne und lies einen beliebigen Text zwei bis drei Minuten laut. Der Korken zwingt Zunge und Lippen zu größeren, präziseren Bewegungen. Liest du denselben Text danach ohne Korken, klingt er deutlich klarer. Zungenbrecher leisten Ähnliches, wenn du sie langsam und sauber sprichst statt schnell und schlampig. Tempo kommt zuletzt, Präzision zuerst.

Resonanz spüren und den Klang tragen lassen

Resonanzübungen lenken den Klang in Brust und Gesicht. Dadurch wirkt die Stimme voller, ohne lauter zu werden.

Sprich ein gedehntes Mmmh und such die Stelle, an der es im Gesicht deutlich vibriert. Von dort öffnest du das M zu Mo, Ma und Mu, ohne die Vibration zu verlieren. Mit etwas Übung nimmst du dieses Gefühl in normale Sätze mit. Die Stimme füllt dann den Raum, obwohl du entspannt sprichst. Diese Tragfähigkeit zählt im Meeting wie am Mikrofon.

Fortschritt hörbar machen und Grenzen kennen

Nimm dich in Abständen mit dem Handy auf, denn im Vergleich der Aufnahmen hörst du Fortschritt zuverlässiger als im Moment des Sprechens.

Sprich heute einen kurzen Text aufs Handy und wiederhole das alle zwei Wochen mit demselben Text. Der Vergleich zeigt dir ungeschönt, was sich verändert hat. Irgendwann stößt Selbsttraining an eine Grenze. Dann lohnt sich Training mit Feedback. Bei Schmerzen, anhaltender Heiserkeit oder Stimmproblemen mit Krankheitswert gehört die Stimme zuerst in ärztliche oder logopädische Hände. Übungen ersetzen keine Therapie.

Lieber mit Feedback statt allein üben?

Im Training hörst du sofort, welche Übung bei dir wirkt und welche Gewohnheit dich bremst.

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